Wer ein Dokumentenmanagement-System in einer Verwaltung einführt, merkt schnell: Die Software ist selten das eigentliche Problem. Entscheidend ist, ob die Mitarbeitenden verstehen, warum sich ihr Arbeitsalltag ändert, und ob sie dabei Unterstützung erhalten. Aus meiner Praxis als Projektleiter Digitalisierung teile ich, was eine DMS-Einführung tragfähig macht.
Die Technik ist das kleinere Problem
Moderne DMS- und ECM-Lösungen wie d.velop oder OpenText sind ausgereift. Sie können Dokumente revisionssicher ablegen, Akten strukturieren, Workflows abbilden und Fachanwendungen anbinden. Die Funktionsliste ist in der Regel länger als das, was eine Organisation im ersten Schritt tatsächlich braucht.
Trotzdem bleiben viele Einführungen hinter den Erwartungen zurück. Ablagen werden parallel weitergeführt, Laufwerke bleiben in Betrieb, und nach einem Jahr hat man zwei Systeme statt einem. Der Grund liegt fast nie in der Software. Er liegt darin, dass ein DMS die Art verändert, wie Menschen täglich arbeiten. Und Gewohnheiten ändern sich nicht durch ein Go-live-Datum.
Anforderungen beginnen bei der Arbeit, nicht beim System
Ein häufiger Fehler ist, Anforderungen aus Sicht des Produkts zu formulieren: Welche Module brauchen wir, welche Metadaten, welche Schnittstellen? Das ist wichtig, aber es ist der zweite Schritt.
Der erste Schritt ist, die tatsächlichen Abläufe zu verstehen. Wie kommt ein Dokument heute in die Organisation? Wer bearbeitet es, wer gibt es frei, wo wird es abgelegt, und wie findet man es später wieder? Erst wenn diese Fragen gemeinsam mit den Fachbereichen beantwortet sind, lässt sich sinnvoll entscheiden, was das System leisten muss.
Gute Requirements entstehen deshalb im Gespräch mit den Leuten, die die Arbeit machen. Das braucht Zeit, zahlt sich aber aus: Wer bei den Anforderungen mitreden konnte, steht später auch hinter der Lösung.
Change Management ist kein Kommunikationsplan
Change Management wird oft auf Information reduziert: ein Newsletter, eine Kick-off-Präsentation, ein Intranet-Artikel. Das ist nötig, reicht aber nicht.
Veränderung gelingt, wenn drei Dinge zusammenkommen:
- Verständnis: Die Mitarbeitenden wissen, warum die Umstellung kommt und was sie konkret für ihren Alltag bedeutet.
- Befähigung: Sie können das neue System sicher bedienen und wissen, an wen sie sich wenden, wenn etwas nicht klappt.
- Verbindlichkeit: Es ist klar, ab wann welche Ablage gilt, und die Führung lebt das selbst vor.
Fehlt einer dieser drei Punkte, entsteht Unsicherheit. Und Unsicherheit führt fast immer dazu, dass man zum Bewährten zurückkehrt.
Schulung ist mehr als ein Kurs
Schulungen sind der Moment, in dem ein Projekt für die Mitarbeitenden konkret wird. Hier entscheidet sich, ob das neue System als Hilfe oder als Zusatzaufwand wahrgenommen wird.
Was sich bewährt:
- Mit echten Fällen üben statt mit abstrakten Beispielen. Wer seinen eigenen Arbeitsablauf im System durchspielt, versteht den Nutzen sofort.
- Kleine Gruppen nach Fachbereich, damit die Fragen zum Alltag passen.
- Key-User aufbauen, die im Team als erste Anlaufstelle dienen. Sie sind oft wirksamer als jeder Support-Kanal.
- Nach dem Go-live nachfassen. Die wichtigsten Fragen entstehen erst in der zweiten oder dritten Woche, wenn das System im Alltag ankommt.
Schrittweise statt alles auf einmal
Ein DMS muss nicht am ersten Tag die ganze Organisation abdecken. Erfolgreicher ist es oft, mit einem klar abgegrenzten Bereich zu starten, Erfahrungen zu sammeln und dann auszuweiten. So lassen sich Ablagestrukturen, Berechtigungen und Abläufe in der Praxis prüfen, bevor sie für alle gelten.
Diese Vorgehensweise passt auch zu bewährten Projektmethoden wie HERMES: klare Phasen, definierte Ergebnisse und bewusste Entscheide an den Übergängen. Gerade in der öffentlichen Verwaltung schafft das Transparenz und Vertrauen.
Meine Erkenntnis
Ein DMS ist am Ende ein Werkzeug. Ob es wirkt, entscheidet sich nicht bei der Auswahl des Produkts, sondern im Alltag der Mitarbeitenden. Meine Empfehlung für jede DMS- oder ECM-Einführung lautet deshalb: Planen Sie für Change Management und Schulung mindestens so viel Aufmerksamkeit ein wie für die Technik. Beginnen Sie bei den Abläufen, beziehen Sie die Fachbereiche früh ein, und begleiten Sie die Menschen auch nach dem Go-live.
Digitalisierung gelingt dann, wenn die Menschen den Nutzen im eigenen Arbeitsalltag spüren.
Serge Tumelero, dipl. Chief Digital Officer NDS HF