Infografik: Acht Branchen, die durch Unternehmen von Elon Musk verändert wurden – Space, Transport, Internet, KI, Payments, Energie, Brain-Computer Interfaces, Tunnels

Mut zum Unmöglichen: Was uns die Roadster-Präsentation über Fehlerkultur lehrt

Die Präsentation des neuen Tesla Roadster hat in den letzten Tagen viel Diskussionsstoff geliefert. Ich habe die Debatten mitverfolgt und mir dabei weniger die Frage gestellt, ob das Gezeigte technisch nun als «fliegendes Auto» durchgeht oder nicht. Mich hat etwas anderes beschäftigt. Vorweg: Ich bin weder Tesla-Fan noch Tesla-Kritiker. Aber ein Gedanke aus einem Beitrag, den ich dazu gelesen habe, lässt mich nicht los: Wir brauchen mehr Menschen, die bereit sind, für scheinbar Unmögliches ein Scheitern zu riskieren.

Das öffentliche Risiko

Eine Live-Demonstration vor Publikum ist immer ein Wagnis. Geht etwas schief, sieht es die ganze Welt. Die meisten Unternehmen würden sich einem solchen Risiko kaum freiwillig aussetzen, schon gar nicht für ein Produkt, das finanziell eher eine Nebenrolle spielt. Hier hat sich jemand bewusst dafür entschieden.

Man kann über die Person und das Unternehmen denken, was man will. Die Haltung dahinter ist bemerkenswert: lieber öffentlich etwas Grosses versuchen, als im sicheren Rahmen nur das Erwartbare zu liefern.

Staunen dürfen

Mir fällt auf, wie schnell aussergewöhnliche Leistungen heute in eine Debatte darüber kippen, warum sie eigentlich nicht zählen. Kaum ist etwas Neues zu sehen, beginnt das Relativieren. Kritisches Denken ist wichtig, keine Frage. Aber nicht alles muss sofort zerlegt werden. Manchmal dürfen wir einfach einen Schritt zurücktreten und staunen, wozu Menschen fähig sind.

Ich glaube, diese Fähigkeit zum Staunen hängt eng mit der Bereitschaft zusammen, selbst etwas zu wagen. Wer nur nach Gründen sucht, warum etwas nicht geht, wird selten etwas Neues versuchen.

Hochformat-Infografik «The Industry Disrupter» mit Elon Musk in der Mitte vor einem Erdball, umgeben von acht Kreisen zu Raumfahrt, Verkehr, Internet, Künstlicher Intelligenz, Zahlungsverkehr, Energie, Gehirn-Computer-Schnittstellen sowie Tunnel und Hyperloop
Infografik «The Industry Disrupter»: acht Branchen, die Elon Musk mit seinen Unternehmen geprägt hat. Zahlen gemäss Originalgrafik, nicht unabhängig geprüft.

Und bei uns in der Schweiz?

Wir Schweizerinnen und Schweizer sind stolz auf Präzision, Verlässlichkeit und Qualität. Das sind echte Stärken. Sie haben aber eine Kehrseite: Wir möchten oft erst dann etwas zeigen, wenn es perfekt ist. Fehler gelten schnell als Makel statt als Lernschritt.

In Europa beobachte ich Ähnliches. Wir sind stark darin, Risiken zu analysieren und Regeln zu definieren. Weniger stark sind wir manchmal darin, mutige Ideen schnell auszuprobieren und aus dem Ergebnis zu lernen. Beides braucht es. Die Frage ist, ob wir die Balance richtig setzen.

Digitalisierung braucht Mut, gerade in der Verwaltung

Als Projektleiter Digitalisierung kenne ich das Spannungsfeld gut. In der öffentlichen Verwaltung ist Vorsicht berechtigt: Es geht um Steuergelder, um Vertrauen und um Dienstleistungen, auf die sich Bürgerinnen und Bürger verlassen müssen. Niemand möchte, dass ein Amt «Move fast and break things» zur Devise macht.

Und trotzdem: Wer nie etwas Neues ausprobiert, riskiert ebenfalls etwas, nämlich Stillstand. Digitale Transformation gelingt nicht, wenn wir nur das bestehende Formular in ein PDF verwandeln. Sie gelingt, wenn wir uns trauen, Abläufe grundsätzlich neu zu denken. Das geht nicht ohne Experimente, und Experimente gehen nicht ohne die Möglichkeit, dass etwas nicht klappt.

Mut heisst dabei nicht Leichtsinn. Mut heisst, im kleinen Rahmen zu testen, Pilotprojekte zuzulassen, früh Feedback einzuholen und offen zu kommunizieren, was funktioniert hat und was nicht.

Moonshots und Committed Goals mit OKR

Hier hilft mir als Certified OKR Master ein Konzept, das ich in Organisationen immer wieder einführe: die Unterscheidung zwischen «committed» und «aspirational» Zielen, oft auch Moonshots genannt.

  • Committed Goals sind Zusagen. Sie müssen erreicht werden, etwa der sichere Betrieb eines Fachsystems oder gesetzliche Fristen.
  • Moonshots sind bewusst ambitioniert. Man rechnet nicht damit, sie vollständig zu erreichen. Schon ein Teilerfolg bringt die Organisation deutlich weiter.

Der entscheidende Punkt: Diese beiden Zieltypen müssen unterschiedlich bewertet werden. Wird ein Moonshot nur teilweise erreicht, ist das kein Versagen. Ein verfehltes ambitioniertes Key Result ist eine Information: Es zeigt, wo die echten Hürden liegen, welche Annahmen falsch waren und wo der nächste Hebel ansetzt.

Wer jedes verfehlte Ziel bestraft, bekommt bald nur noch Ziele, die garantiert erreichbar sind. Und dann passiert genau das, was wir eigentlich vermeiden wollen: Niemand wagt mehr etwas.

Was ich daraus mitnehme

Ich muss nicht jede Person oder jedes Produkt bewundern, um von einer Haltung zu lernen. Für meine Arbeit nehme ich drei Gedanken mit:

  1. Klar trennen: Was ist eine verbindliche Zusage, was ein bewusster Moonshot? Beides gehört in eine gute Zielsetzung.
  2. Scheitern einplanen: Wer Grosses versucht, muss Rückschläge als Teil des Weges akzeptieren und sie sichtbar auswerten.
  3. Erfolge feiern: Auch in der Verwaltung dürfen wir innehalten und anerkennen, wenn etwas Mutiges gelungen ist.

Wir brauchen mehr Menschen, die bereit sind, für Dinge zu scheitern, die andere für unmöglich halten. In Unternehmen, in Start-ups und genauso in der öffentlichen Verwaltung. Denn wenn sie Erfolg haben, gewinnen wir alle.

Wie erleben Sie das in Ihrer Organisation: Gibt es Raum für Moonshots, oder zählt nur das sicher Erreichbare?

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